Zeichen der Zeit nicht erkannt

Von Lorenz Gösta Beutin - MdB

Der Kampf um den Erhalt des Bahn­hofs­wal­des ist been­det. Nun wurden Tatsa­chen geschaf­fen. Eine große Lücke klafft an der rech­ten Seite der Bahn­hofs­straße. Unwie­der­bring­lich wurde der Allee-Charak­ter der Straße zerstört. Zudem wurde ein einma­li­ges, inner­städ­ti­sches Biotop, das ein Zuhause für Flora und Fauna bot, vernichtet.

Am Frei­tag stürmte eine Privat­ar­mee der Inves­to­ren das Gelände und agierte mit brachia­ler Gewalt. Demons­trantinnen und Akti­vistinnen wurden von einem priva­ten Sicher­heits­dienst (teils mit Gewalt) bedroht. Nach­fol­gend machte ein Trupp mit Ketten­sä­gen kurzen Prozess. Eine Viel­zahl an gesun­den Bäumen wurde ange­sägt, auch jene, die nach dem 1. Februar nicht mehr gefällt werden durf­ten, schlim­mer: es wurden auch Bäume ange­sägt, auf denen sich Menschen befan­den. Damit wurde die Gefähr­dung von Menschen billi­gend in Kauf genommen.

Die Poli­zei, die völlig von den Ereig­nis­sen über­rascht worden war, stoppte die Rodungs­ar­bei­ten. Zunächst sah es so aus, dass durch eine Allge­mein­ver­fü­gung der Stadt Flens­burg die Rodungs­maß­nah­men bis auf Weite­res für den Monat Februar einge­stellt werden müssen. Zudem wurde beteu­ert, dass eine komplette Räumung durch die Poli­zei im Februar nicht statt­fin­den würde. Schon vorher wurde, aufgrund der Pande­mie-Lage, eine Räumung ausge­schlos­sen.
Nach­dem der Inves­tor nun ille­gal Tatsa­chen geschaf­fen hatte, zeig­ten sich die Akti­vis­ten dennoch gesprächs­be­reit. Es wurde verein­bart, dass nur die ange­säg­ten Bäume, aus Sicher­heits­grün­den, gefällt werden. Sowohl die Stadt­ver­wal­tung als auch das Innen­mi­nis­te­rium kriti­sier­ten deut­lich das Vorge­hen der Inves­to­ren und spra­chen von Selbstjustiz.

Leider bliebt von der Kritik nicht viel übrig. Am Sonn­tag begann dann doch die Poli­zei das Gelände zu räumen, auf Anwei­sung der Stadt Flens­burg. So hieß es noch am Frei­tag, dass eine Räumung nicht bevor­stehe, da dies die Pande­mie-Lage nicht zulasse und man größere Menschen­an­samm­lun­gen vermei­den möchte. Nun wurde die Räumung kurio­ser­weise mit dem Argu­ment der Pande­mie-Lage gerechtfertigt.

Viel­leicht noch vor fünf Jahren wäre ein solches Baupro­jekt, wie das Hotel am Bahn­hof, ohne weite­ren Protest reali­siert worden. Doch die Zeiten haben sich geän­dert. Die Auswir­kun­gen des Klima­wan­dels machen auch vor unse­rem Land nicht halt und sind deut­lich sicht­bar, für alle. Sei es kranke Wälder, der anstei­gende Meeres­spie­gel oder Tempe­ra­tur­schwan­kun­gen binnen einer Woche von über 30 Grad.

Es wächst eine Genera­tion junger Menschen heran, die sich über Ihre Zukunft Gedan­ken machen und die Gefahr einer Klima­ka­ta­stro­phe kommen sehen, wenn wir so weiter machen wie bisher. Sie fragen sich zurecht, wie ein steti­ges Wachs­tum bei endli­chen Ressour­cen funk­tio­nie­ren soll. Das Ruder muss sofort herum­ge­ris­sen werden, wenn wir die Klima­ka­ta­stro­phe auf unse­rem Plane­ten aufhal­ten wollen.

Jeder einzelne Baum trägt dazu bei, das Stadt­klima erträg­li­cher zu machen. Bäume spen­den Schat­ten und bieten der Stadt ein gesun­des Klima. Was nützt es dem Stadt­klima, wenn Ausgleichs­flä­chen weitab der Innen­stadt liegen? Es helfen dabei keine leeren Phra­sen und Verspre­chun­gen, es muss jetzt gehan­delt werden. Der Kampf um den Erhalt den Bahn­hofs­wal­des ist viel­leicht verlo­ren, aber der Kampf gegen den Klima­wan­del und für eine lebens­werte Zukunft hat gerade erst begonnen.