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April 19, 2020

Bei der Fahr­kar­ten­kon­trol­le fra­ge ich den Schaff­ner, war­um er kei­ne Mas­ke trägt, obwohl die Bahn expli­zit das Tra­gen einer Mas­ke emp­fiehlt: Die Bahn kämp­fe mit Lie­fer­schwie­rig­kei­ten, aber in ein paar Wochen wür­den wohl auch die Bahn­an­ge­stell­ten mit Mas­ken aus­ge­rüs­tet. Da wären wir dann schon bei einem Dilem­ma: Jetzt sol­len lang­sam die Maschi­nen des Kapi­ta­lis­mus wie­der auf Voll­dampf lau­fen, alle Kraft vor­aus heißt es. Aber noch immer fehlt Schutz­aus­rüs­tung in aus­rei­chen­dem Maß. Man hät­te vor­be­rei­tet sein kön­nen, Stu­di­en zum Aus­maß einer glo­ba­len Pan­de­mie gab es, wur­den aber von den Zustän­di­gen nicht beach­tet.

Ich bin unter­wegs nach Ber­lin, zur Sit­zungs­wo­che des Bun­des­tags. Und ja, Ihr habt recht: Genau genom­men ist mein Leben nicht pan­de­misch, glück­li­cher­wei­se, son­dern es ist mein Leben in der Pan­de­mie, aber da ging es dann halt um die Wort­spie­le­rei zulas­ten der Prä­zi­si­on… Jeden­falls sit­ze ich jetzt im Zug.

Los ging es schon am Bahn­hof und beim Ein­stei­gen: Mit Atem­mas­ke bin ich gemus­tert wor­den wie ein Aus­wär­ti­ger oder Ter­ro­rist. Um genau zu sein, ich habe eine älte­re Dame am Bahn­steig gese­hen, mit Mas­ke, sonst nir­gends. Und bevor Ihr was sagt: Klar, es ist kein abso­lu­ter Schutz, Abstand hal­ten bleibt den­noch not­wen­dig (klappt aber auch immer Sel­te­ner).

Wenn wir in den letz­ten Wochen Radio gehört haben, ist davon viel die Rede gewe­sen, Abstand hal­ten, zu Hau­se blei­ben. Wir als Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te haben da den Luxus, wir kön­nen Home Office machen. Aber man konn­te ja den Ein­druck gewin­nen, die gan­ze Repu­blik sei nicht auf Arbeit, wür­de nur vor Net­flix hocken oder im Park Sport trei­ben.

Real haben über 50 Pro­zent in der Zeit des Lock­down malocht. Vie­le noch mehr als in den Mona­ten davor, was nicht nur an der 700prozentigen Umsatz­steie­rung beim Klo­pa­pier lag. Arbeits­zei­ten wer­den jetzt auch offi­zi­ell auf­ge­weicht, mit dem Arbeits­schutz ange­sichts von Coro­na ist es eh nicht über­all weit her.

Ja, es wur­de geklatscht, gera­de ges­tern Abend habe ich es wie­der gehört, bei uns in der Stra­ße. Und irgend­wie scheint jetzt gera­de klar, dass unse­re Gesell­schaft ganz gut auf die Akti­en­spe­ku­lan­ten und Immo­bi­li­en­haie ver­zich­ten kann, weni­ger aber auf die Pfle­ge­kräf­te und Verkäufer*innen. Dass sie häu­fig mies bezahlt wer­den, dass Vie­le von ihrem Job nicht leben kön­nen, dass das noch jeman­den nach der Kri­se inter­es­siert, dass ist unser Job. Übri­gens: Sie ris­kie­ren gera­de ihr Leben, damit wir was zu essen haben. Ach­ja, ich ver­gaß, ab Mon­tag geht’s ja schritt­wei­se raus aus dem Lock­down, wobei ich noch immer nicht weiß, ob es gesund­heits­po­li­tisch oder nur wirt­schaft­lich sinn­voll ist. Wir wer­den es sehen.

So, Halt Lud­wigs­lust vor­bei. Ich lese die neu­es­te Umfra­ge, Lin­ke ver­liert einen Punkt auf 8 Pro­zent, die CDU wei­ter in Rich­tung 40 Pro­zent. Könn­te jemand die deut­sche Bevöl­ke­rung mal ordent­lich schüt­teln?! Wer hat die Pri­va­ti­sie­rungs­ari­en zu ver­ant­wor­ten der letz­ten Jahr­zehn­te? Ok, es war nicht nur die Uni­on, es waren auch Grü­ne und SPD (die FDP erwäh­ne ich nicht, hier ist neo­li­be­ra­le Ver­kom­men­heit eh Pro­gramm). Und gera­de bei der Uni­on steht eine Maxi­me ganz oben: Dass es nach der Coro­na-Kri­se so wei­ter gehen möge, wie zuvor.

Geschenkt, dass es in Schland nicht so schlimm ist wie in Ita­li­en oder Spa­ni­en, hat zwei Grün­de: 1. Die BRD ist der Zucht­meis­ter Euro­pas und hat vom Spar-Regi­ment in Euro­pa pro­fi­tiert, wäh­rend ande­re Staa­ten ihre Gesund­heits- und Sozi­al­sys­te­me zer­stö­ren muss­ten. 2. Das Gesund­heits­sys­tem ist noch nicht so kaputt, wie es Spahn oder die FDP ger­ne hät­ten (oder bes­ser: vor der Kri­se ger­ne gehabt hät­ten). Es ist noch nicht voll durch­pri­va­ti­siert, Gegen­kräf­te bei den Gewerk­schaf­ten und beim Pfle­ge­per­so­nal konn­ten oft­mals Schlim­me­res ver­hin­dern oder haben sogar zuletzt (Stich­wort Per­so­nal­schlüs­sel oder Fall­pau­scha­len) Ver­bes­se­run­gen erkämpft – immer gegen die Herr­schen­den, ver­steht sich.

Gegen die Herr­schen­den zu demons­trie­ren glau­ben übri­gens auch die, die gegen „Impf­wahn“ oder ähn­li­ches gera­de auf die Stra­ße gehen, sei­en sie rechts­ra­di­kal, wie der selbst­er­nann­te „Volks­leh­rer“, oder Bin­de­glie­der ins eso­te­risch, ver­schwur­bel­te Quer­front-Milieu. Lei­der reicht es bis hin­ein in mei­ne Face­book-Kon­tak­te, dass Bei­trä­ge geteilt wer­den, die so jen­seits von Gut und Böse sind, dass die Tisch­plat­te mei­nes Schreib­ti­sches eine tie­fe Del­le hät­te, wür­de ich mei­nen Kopf bei jedem Video von Wodarg, zu Bill Gates oder wie sie alle hei­ßen in Ver­zweif­lung drauf­schla­gen.

Aber ich erklä­re lie­ber, lie­fe­re Hin­ter­grün­de, Infor­ma­tio­nen, Tipps, wie man ver­mei­den kann, auf Blöd­sinn her­ein­zu­fal­len. Ich ver­ste­he es: In der Coro­na-Kri­se wer­den die Ver­hält­nis­se noch unüber­sicht­li­cher, da wird nach Deu­tung gesucht. Und in den letz­ten Jah­ren haben sich unse­re Medi­en nicht nur mit Ruhm bekle­ckert. Nur dann ins ande­re Extrem zu ver­fal­len ist kei­ne Lösung. Es gilt, Infor­ma­tio­nen wider den Strich zu bürs­ten, zu hin­ter­fra­gen, sich aus unter­schied­li­chen Quel­len zu infor­mie­ren. Ins­ge­samt lässt sich dann ohne Schwur­be­lei­en von KenFM, Rus­sia Today oder Nicht­denk­sei­ten ein aus­ge­wo­ge­nes Bild gewin­nen.

Ich bin abge­schweift: War­um also steht DIE LIN­KE bei 8 Pro­zent, obwohl es doch gera­de auch dar­um gin­ge, soli­da­ri­sche Alter­na­ti­ven zu ent­wi­ckeln, obwohl es aller­or­ten tönt, der Neo­li­be­ra­lis­mus sei tot? Das Eine ist, dass wir in einer Art Kriegs­ge­sell­schaft leben, gestärkt wer­den da die Regie­ren­den, selbst aus Rei­he der Lin­ken gab es ja ver­ein­zel­te Rufe, Kri­tik dür­fe jetzt erst­mal nicht so laut sein, jetzt sei Kri­sen­mo­dus ange­sagt.

Der ande­re Punkt: Unse­re Par­tei hat sich in den letz­ten Jah­ren zu sehr mit sich selbst und ihren Kon­flik­ten beschäf­tigt, ist im Bun­des­tag recht zahm gewor­den, hat hier und da an Pro­fil ver­lo­ren. Und sie hat viel­leicht zu sehr den Blick für’s Gan­ze, für die kon­kre­te Uto­pie der Gesell­schaft der Frei­en und Glei­chen ver­lo­ren.

Mag alles sein, aber die Zeit ist jetzt: Wir brau­chen jetzt Ant­wor­ten für ein radi­ka­les Umsteu­ern unse­rer Gesell­schaft, nicht nur bei Gesund­heit und Sozia­les, auch bei Kli­ma­schutz. In aller Deut­lich­keit: Wes­sen Welt ist die Welt? Das heißt auch: Schluss machen mit dem Kapi­ta­lis­mus. Und nein, das geht nicht von heu­te auf mor­gen. Aber die Brü­che sind da, wir müs­sen sie wei­ten. Dass ein „Sys­tem Chan­ge“ not­wen­dig sei haben die Spat­zen schon vor Coro­na von den Dächern gepfif­fen. Es ist an uns, das Fens­ter auf­zu­sto­ßen. Dass nichts bleibt, wie es war, dies­mal, nach die­ser Kri­se, end­lich ein­mal!

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17. Mai 2020
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